In der Krise beweist sich der Charakter

Erinnerungen

Aus gegebenem Anlass haben wir uns entschieden unseren wöchentlichen Header Helmut Schmidt zu widmen …

Doch wer war Helmut Schmidt ?

Geboren 1918 in Hamburg, war er nach Willy Brandt der zweite Bundeskanzler, der von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gestellt wurde. Wie viele Jugendliche seines Alters, wurde auch er Ende der 1930er – um genau zu sein 1937 – in die Wehrmacht zum Wehrdienst eingezogen. In dieser zeit diente er bei der Flakartillerie in Bremen-Vegesack knüpfte freundschaftliche Beziehungen zur Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek und deren Familie.

Nach den Stationen in der Reserve zur Luftverteidigung Bremens ( 1939 ) und des Oberkommandos der Luftwaffe in Berlin ( 1941 ), wurde er von August bis Ende des selben Jahres als Offizier an die Ostfront versetzt. So war er – wie auch später Richard von Weizsäcker – an der Leningrader Blockade beteiligt. Bis 1944 wurde er als Referent für Ausbildungsvorschriften der leichten Flakartillerie im Reichsluftfahrtministerium in Berlin und Bernau eingesetzt.

Ab Dezember 1944 wurde er als Batteriechef an die Westfront nach Belgien versetzt. Anfang 1945 äußerte er sich während einer Übung kritisch über Reichsfeldmarschall Hermann Göring und das NS-Regime. Durch die ständigen Versetzungen – ausgelöst durch zweier vorgesetzter Generäle – entging er hier dem Zugriff der Justiz.

Im April 1945 geriet er Soltau, in der Lüneburger Heide in britische Kriegsgefangenschaft. In einem belgischen Gefangenenlager nahm ihm der Vortrag von Hans Bohnenkamp mit dem Titel „Verführtes Volk“ im Juni 1945 die letzten Illusionen über den Nationalsozialismus. Am 31. August 1945 wurde er schließlich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen …

Nach dem er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, studierte er in Hamburg Volkswirtschaftslehre sowie Staatswissenschaft und beendete 1949 sein Studium als Diplom-Volkswirt. Ebenfalls nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft schloss er sich – beeinflusst durch den Mitgefangenen Hans Bohnenkamp – der SPD an. Hier engagierte er sich zunächst im Sozialistischen Deutschen Studentenbund und war 1947 und 1948 dessen Vorsitzender in der Britischen Besatzungszone.

2008 äußerte er sich zu seiner Motivation, sich politisch zu engagieren :

Ehrgeiz ist ein Begriff, den ich auf mich nicht anwenden würde; natürlich lag mir an öffentlicher Anerkennung, aber die Antriebskraft lag woanders. Die Antriebskraft war typisch für die Generation, der ich angehört habe : Wir kamen aus dem Kriege, wir haben viel Elend und Scheiße erlebt im Kriege, und wir waren alle entschlossen, einen Beitrag dazu zu leisten, dass all diese grauenhaften Dinge sich niemals wiederholen sollten in Deutschland. Das war die eigentliche Antriebskraft.

Von 1961 bis 1965 amtierte er unter den Ersten Bürgermeistern Paul Nevermann und Herbert Weichmann als Senator der Polizeibehörde ( welcher ab 1962 zum Innensenator umbenannt wurde ) in der Hansestadt Hamburg. Speziell im Jahre 1962 erlangte er als Krisenmanager während der Sturmflut an der deutschen Nordseeküste in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar große Popularität. Er koordinierte hier den Großeinsatz der Polizei, den Rettungsdiensten, dem Katastrophenschutz und dem THW. Er nutzte ebenso bestehende Kontakte zur Bundeswehr und der NATO, um mit Soldaten, Hubschraubern, Pioniergerät und Versorgungsgütern schnelle und umfassende Hilfe zu ermöglichen – ohne durch gesetzliche Grundlagen legitimiert zu sein. Er schuf damit ein Vorbild für Einsätze der Bundeswehr im Inland bei Naturkatastrophen …

Nach dem Wahlsieg der SPD im Jahre 1969, berief Bundeskanzler Willy Brandt Helmut Schmidt am 22. Oktober 1969 als Bundesminister der Verteidigung in die neue Regierung. Während dieser Zeit wurde unter anderem der Grundwehrdienst von 18 auf 15 Monate reduziert. Im Juli 1972 übernahm er nach dem Rücktritt von Karl Schiller das Amt des Finanz- und Wirtschaftsministers. Nach der Bundestagswahl 1972 wurde dieses Ministerium geteilt und er führte das Bundesministerium der Finanzen …

Als in Folge der Guillaume-Affäre Willy Brandt seinen Rücktritt erklären musste, wählte der Bundestag Helmut Schmidt am 16. Mai 1974 zum fünften Bundeskanzler der Bundesrepublik. Während seiner Kanzlerschaft zählten die weltweite Wirtschaftsrezession, die Ölkrisen der 1970er Jahre, die Rentenfinanzierung in den Jahren 1976 und 1977, sowie der Terrorismus der Roten Armee Fraktion zu den größten Herausforderungen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Deutschen, war er ein entschiedener Befürworter der Kernenergie und beabsichtigte 1977 die Errichtung einer Anlage zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen in Gorleben.

Zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing verbesserte er die deutsch-französischen Beziehungen und setzte entscheidende Schritte zur weiteren europäischen Integration um. Kurz nach seiner Amtsübernahme wurde der Europäische Rat etabliert. Ebenso wirkte er mit Giscard bei der wirtschaftspolitisch bedeutendste Maßnahme seiner Regierungszeit zusammen : Die Einführung des Europäischen Währungssystems und der Europäischen Währungseinheit ( ECU ), aus denen später die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion und der Euro hervorgingen. Auch haben beide einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, dass die „Gruppe der 7“ ( G7 ) entstanden ist …

Im Jahr 1977 wies er als erster westlicher Staatsmann auf die Gefahren für das Rüstungsgleichgewicht durch die neuen SS-20 Mittelstreckenraketen der Sowjetunion hin. Er drängte hierbei auf den NATO-Doppelbeschluss, der die Aufstellung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa vorsah, verband dies aber mit einem Verhandlungsangebot an die Sowjetunion, in der sowohl die Sowjetunion, als auch die NATO auf diese Waffensysteme verzichten. Dieser Beschluss war nicht nur in der eigenen Partei, sondern auch in der Bevölkerung sehr umstritten. Aus der entstandenen Protestbewegung, die sich zum einen gegen den NATO-Doppelbeschluss und dem „Nein zur Atomkraft“ formierte ging am Ende seiner Regierungszeit die neue Partei der Grünen hervor.

Nach mehreren Differenzen mit dem Koalitionspartner FDP und dem Rücktritt aller FDP-Bundesminister am 17. September 1982 endete nach einem konstruktiven Misstrauensvotum am 1. Oktober 1982 seine Kanzlerschaft. Bis zu dieser Zeit führte er die Regierungsgeschäfte ohne Mehrheit im Bundestag weiter.

Nach seiner Abwahl übernahm er kein politisches Amt mehr und schied im Jahr 1986 aus dem Bundestag aus. Dafür präsentierte er sich immer häufiger als Buchautor, Vortragsredner und gefragter Elder Statesman. In den folgenden Jahren gründete er zudem zahlreiche Stiftungen, wie die „Deutsche Nationalstiftung“, das „InterAction Council“ oder die „Helmut-und-Loki-Schmidt-Stiftung“. Zudem gehörte er 1997 zu den ersten Unterzeichnern der „Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten“.

In den letzten Jahren seines Lebens setzte er sich zudem für eine stärkere Beziehung zu Russland ein und widersprach damit dem Handeln und der Sanktionen seitens westlicher Staaten in Folge der Ukraine-Krise 2014.

Helmut Schmidt starb am 10. November 2015, im Alter von 96 Jahren.

Ruhe in Frieden, Helmut,
Deine Avalon Studios !

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